Ein Schweizer auf Erfolgskurs in Hollywood
In unserer Porträtreihe von renommierten Filmtechnikern folgt auf den Kameramann Michael Ballhaus und den Cutter Pietro Scalia der ebenfalls in Hollywood heimisch gewordene Berner Beat Frutiger. Als Ausstatter ist er für Arnold Schwarzeneggers eben in der Schweiz anlaufenden jüngsten «Terminator»-Film mitverantwortlich.
Marc Baumann, Los Angeles
«I’ll be back». Arnold Schwarzenegger machte seine Androhung wahr: 12 Jahre nach der letzten «Terminator»-Folge «Judgement Day» kehrt der heute 55-Jährige als Hollywoods berühmtester Cyborg auf die Kinoleinland zurück. Um dem effekteverwöhnten Publikum den dritte Teil der Saga von den tödlichen Maschinen-Menschen, «Rise of the Machines», schmackhaft zu machen, scheuten die Macher keine Kosten: Mit dem Budget von 175 Millionen Dollar ist «T3» der teuerste Film aller Zeiten.
Ein Schweizer hat Schwarzenegger beim kostspieligen Comeback mitgeholfen. Beat Frutiger ist einer der drei Art Directors, die das Erscheinungsbild des Films entscheidend mitprägten. Der gebürtige Berner war für das Design und den Aufbau aller Filmdrehorte mitverantwortlich. Er überwachte die Arbeit von über 300 Handwerkern und koordinierte die Dreharbeiten der Filmstars mit denjenigen des Stuntteams und der Explosionsspezialisten. Durchschnittlich 14 Stunden am Tag arbeitete die «T3»-Crew während den knapp fünfmonatigen Dreharbeiten in und um Los Angeles. «Dieser Job war die grösste berufliche Herausforderung meines Filmkarriere», sagt Frutiger.
Das Ergebnis lässt sich sehen. Die Geschichte um den Roboter T-800 (Schwarzenegger), der aus der Zukunft geschickt wird, um John Connor (Nick Stahl) von der modernsten Killermaschine, der unbarmherzigen wie attraktiven «Terminatrix» (Kristanna Lokken) zu beschützen, kommt als gutgemachtes Unterhaltungskino daher, das sich mit den mehrheitlich real inszenierten Action-Szenen wohltuend von den Computer generierten Blockbusterfilmen wie «Matrix» unterscheidet. Trotz gemischten Kritikerreaktionen ist «T3» bereits ein Publikumserfolg. Der Film hat in den ersten zwei Spielwochen in den USA und 12 weiteren Ländern bereits 140 Millionen Dollar eingespielt und damit die früheren «Terminator»-Episoden in der gleichen Zeitspanne bei weitem übertroffen.
Dass Frutiger für eine prestigeträchtige Grossproduktion wie «T3» arbeitete, ist kein Zufall. Der 45-Jährige zählt seit zwei Jahren zur «Prime League» der insgesamt rund 1000 Art Directors, die in der Filmkapitale Los Angeles tätig sind. Das heisst: Nicht B-Movies, sondern begehrte Zelluloid-Projekte mit grossen Budgets und hochkarätiger Besetzung landen auf seinem Tisch. Neben «T3» hat er an Filmen mit Hollywood-Berühmtheiten wie Tom Cruise («Vanilla Sky»), Eddie Murphy («The Hounted Mansion»), Jerry Bruckheimer («Enemy of the State») und Cameron Crowe («Vanilla Sky») mitgewirkt. Steht gerade kein Kinofilm an, fungiert er als künstlerischer Leiter bei TV-Spots und Musikvideos. «Es läuft derzeit gut», sagt Frutiger.
Sein Weg von Bern nach Hollywood schien seit jeher vorgezeichnet zu sein. Bereits als Teenager entwickelte er eine Passion für Baukunst und Design; besonders beeindruckten ihn die Filmkulissen von Monumentalwerken wie Fritz Langs «Metropolis» und D.W. Griffiths «Intolerance». Nach dem Architekturstudium an der Fachhochschule Burgdorf trat er ins Berner Architekturbüro «Atelier 5» ein, wo er in seiner neunjährigen Tätigkeit unter anderem den Grossumbau der Psychiatrischen Klink in Münsingen beaufsichtigte.
Das Fernweh im Familienblut – sein Vater lebte zeitweise in Paris, sein Grossvater hatte eine Schuhmacherei in Kansas, ein Uronkel besass eine Orangenplantage in Marokko – trieb ihn dazu, an einer Green-Card-Lotterie teilzunehmen. «Ich wollte noch etwas Anderes, komplett Neues erleben» sagt er. Im Frühjahr 1993 zog er als einer der glücklichen Gewinner einer US-Arbeitsbewilligung nach Los Angeles um.
Wie viele Neuankömmlinge verdiente er sein Einkommen zu Beginn als Kellner und Koch in lokalen Restaurants. Als er über einen in Hollywood tätigen Auslandschweizer erfuhr, dass die Crew des vom Kultfilmer Roger Corman produzierten Science-Fiction-Streifen «Carnosaur 2» ein Schreiner suchte, meldete er sich sofort.
Der handwerklich begabte Berner wurde vom Fleck weg angeheuert. Dank seiner Architektur-Ausbildung konnte er bereits am zweiten Tag ebenfalls bei der Entwicklung der Filmkulisse mitarbeiten. «In diesem Moment habe ich gewusst: das ist meine Zukunft», erinnert er sich.
Mit viel Ehrgeiz und Durchhaltewillen arbeitete sich der passionierte Segler in den kommenden Jahren im Hollywood-System hoch. Er wirkte als Schreiner, Modellbauer, Set Designer und Art Director an insgesamt über 30 Produktionen mit. Dazu zählen Kinofilme wie «Flubber» und «The Annihilation of Fish», Fernsehserien wie «Nash Bridges» und «Muppets Live!» sowie Werbespots für Pepsi, Audi und Apple. Den grossen Durchbruch schaffte er vor zwei Jahren mit dem Thriller «Vanilla Sky». Als Assistent des Art Directors angeheuert, avancierte er während der Dreharbeiten des 80-Millionen-Dollar-Films mit Tom Cruise zum Supervising Art Director. Das gestylte Hollywood-Remake, das auf dem spanischen Kinohit «Abre los ojos» basiert, erzielte bis anhin einen weltweiten Kinoumsatz vom über 200 Millionen Dollar.
Trotz seines Erfolgs behält Frutiger beide Füsse auf dem Boden. Das Filmgeschäft sei völlig unberechenbar, meint er. Als zweites berufliches Standbein bietet der kreative Allrounder in seiner Freizeit Privatpersonen und Kleinbetrieben seine Beraterdienste für Inneneinrichtungskonzepte an. Zudem plant er, Möbel und Lampen im Stil der fünfziger Jahre zu kreieren.
Gegenwärtig muss sich Frutiger um seine Zukunft in Hollywood keine Sorgen machen. In den kommenden Tagen wird er seine Arbeit als Art Director am neusten Projekt von Cameron Crowe, «Elizabethtown», aufnehmen.
Neue Zürcher Zeitung, 25. August 2003
Update:
Beat Frutigers Erfolg in der Hauptstadt des Filmbusiness hält unvermindert an. Seither der Veröffentlichung dieses Beitrags hat er an weiteren hochkarätig besetzten Hollywood-Grossproduktionen wie “Lucky You” (Regie: Michael Bay), “Transformers” (Regie: Curtis Hanson) und “Meet Dave” (mit Star Eddie Murphy in der Hauptrolle) gearbeitet. Vor kurzem hat er die Dreharbeiten an “Star Trek” mit Regisseur J.J. Abrams (”Cloverfield”, TV-Shows “Alias” und “Lost”) abgeschlossen.
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