Jimmy Hendrix sein für einen Tag

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Jeder Mensch ist ein Künstler, jeder Musiker eine Bookmark: Das neue «Music Experience Project» in Seattle will das Museumserlebnis neu definieren. Ursprünglich als Jimi-Hendrix-Denkmal geplant, bietet es einen Hightech-Trip durch die Geschichte der US-Popmusik.

Von Marc Baumann (Seattle)

«Are you trying to prove that / You’re made out of gold and, eh, can’t be sold / So, are you experienced?»
(Jimi Hendrix, «Are you experienced»)

Die Schlechtwetterstadt schmort. Das Radio meldet Rekordtemperaturen, 31 Grad Celsius. Es ist der heisseste Tag seit 13 Jahren. Die Fifth Avenue glitzert wie ein Zitronensorbet, das Taxi scheint auf flüssiger Sahne zu gleiten. Und plötzlich taucht es wie eine Fata Morgana vor unseren Augen auf: das teuerste Rock-’n'-Roll-Museum der Welt - die brandneue Sehenswürdigkeit von Seattle.

Wir steigen aus und betreten das Gelände des Center Campus. Hierher, mitten in den Erlebnispark zwischen der legendären «Space Needle», einer McDonald’s-Filiale und einem Permanent-Jahrmarkt, hat Microsoft-Milliardär Paul Allen sein Riesenspielzeug gestellt: das Music Experience Project (EMP). Fast eine Viertelmilliarde Dollar ist dem 47-Jährigen die Errichtung des interaktiven Museums wert gewesen, das Einblick in die Geschichte der amerikanischen Populärmusik dieses Jahrhunderts gibt.

Ursprünglich wollte Allen nur einen 50-Millionen-Dollar-Schrein für den gebürtigen Seattleiten Jimi Hendrix errichten, da eine schäbige Plakette im lokalen Zoo bisher das Einzige war, womit die Westküstenmetropole ihren berühmten Sohn würdigte. Doch der Philanthrop liess sich die Herstellung der Gerechtigkeit gern etwas mehr kosten. «Ein Geschenk an die Stadt», sagt er heute bescheiden.

Was für ein Geschenk! Wie Dutzende anderer Neugieriger umkreisen auch wir das rot, lila, blau und gold kolorierte Stahlbauwerk, das mit seiner grellen Farbmixtur und seinen zahlreichen Rundungen zugleich fasziniert und irritiert. Fast könnte man meinen, Star-Architekt Frank Gehry aus Los Angeles sei beim Entwurf des Projekts unter Drogeneinfluss gestanden. Wir werden aber von der Pressefrau des Museums, Paige Prill, eines Besseren belehrt: Das Gebäude stellt eine zertrümmerte Gitarre dar - eine Hommage an Hendrix, der auf der Bühne mit Vorliebe aus seinen Instrumenten Kleinholz machte.

Wir reihen uns in die lange Warteschlange vor der Kasse des Museums ein. Beim Eingang liegen noch immer Pappbecher vom dreitägigen Eröffnungsfest herum, das - nicht zuletzt wegen der Livekonzerte hochkarätiger Rockstars wie James Brown, Alanis Morissette, Metallica, Beck und Eurythmics - für internationale Publizität sorgte.

Eine junge Museumsangestellte heizt den Wartenden mit PR-Sprüchen ein: «Bereitet euch auf ein völlig neuartiges Erlebnis vor», ruft sie, «so etwas habt ihr noch nie zuvor gesehen.» «Eine Britney Spears, die singen kann?», fragt ein Vorwitziger. Die Kolonne lacht.

Nach einer halben Stunde ist es so weit. Wir zahlen den Eintrittspreis von happigen 34 Franken, erhalten ein violettes Plastikarmband und stossen ins Allerheiligste des Museums vor: die Sky Church, eine 30 Meter hohe Besinnungshalle, wo riesige Videoinstallationen faszinierende Lichteffekte erzeugen und in der Luft baumelnde Schirme sich synchron zu esoterischen Synthesizerklängen bewegen. Unzählige Besucher liegen auf dem Boden und entspannen sich, andere holen sich an den Abgabestellen einen digitalen Museumsführer, den «Museum Exhibit Guide» (MEG).

Dieses Gerät - ein modifizierter Palmtop-Computer mit Touchscreen und Kopfhörer - ist der eigentliche Schlüssel zum edukativen Hightech-Erlebnis. In jedem Ausstellungsraum, so erklärt uns Pressefrau Prill geduldig, können wir per Infrarotverbindung zusätzliche Informationen und Musikbeispiele zu einen bestimmten Thema herunterladen. Fakten über unsere Lieblingsobjekte lassen sich per Bookmarks abspeichern und später auf dem Heimcomputer via Museums-Website wieder abrufen.

Mit dem MEG das EMP erforschen - das sieht genauso futuristisch aus, wie es tönt. Wir mischen uns unter die hunderten von Museumsbesuchern, die - wo immer sie einen Infrarotsensor entdecken (Letztere sind mit einem Symbol gekennzeichnet) - ihre Hand ausstrecken, auf den Minicomputer klicken, um Informationen herunterzuladen. Doch nicht alle Besucher können sich mit der modernen Technologie anfreunden: Ein Mann mit Cowboyhut will sein Handy partout am digitalen Ausstellungsführer anschliessen; eine ältere Frau versucht verzweifelt, Infrarotkontakt mit einer Toilettentüre herzustellen.

Wer jedoch seinen Hightech-Gehilfen einmal im Griff hat, geniesst den Gang durch das EMP als spannende multimediale Edutainment-Reise durch die Geschichte des amerikanischen Rock und Pop. Die Zahl der von Paul Allen zusammengetragenen Memorabilien erschlägt uns zwar fast. Über 80′000 Objekte befinden sich in den Schaukästen des Museums, wir erspähen unter anderem Elvis Presleys schwarze Lederjacke, Janis Joplins rosarote Federboa, Quincy Jones’ erste Trompete und Bob Dylans Mundharmonika.

Nachdem wir uns im Ausstellungsteil «Milestones» über die Wurzeln des Rock ‘n’ Roll (Jazz, Soul und Blues) und dessen Wirkung auf neuere Musikrichtungen wie Punk, Rap und Hip-Hop kundig gemacht haben, bestaunen wir in der «Guitar Gallery» die kostspieligen Saiteninstrumente von Stars wie Buddy Holly, John Lee Hooker und Eric Clapton. Via MEG erfahren wir, dass die erste Gitarre aus dem Jahr 800 stammt und in Ägypten hergestellt wurde.

Der grösste Andrang herrscht in der «Hendrix Gallery». Hier schaffen wir es gerade, einen Blick auf Hendrix’ Woodstock-Vertrag, sein Mischpult, seine handgeschriebenen Liedertexte und die Überreste der Fender-Gitarre seines letzten Live-Auftritts im Jahr 1967 zu erhaschen. Aus einem Videogerät erklingt der Rockklassiker «Hey Joe»; ein stämmiger Mann im Holzfällerhemd wischt sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. Gefühle hat der digitale Museumsführer nicht gespeichert.

Pressefrau Prill betont derweil, dass das EMP die Kreativität seiner Besucher fördere. «Jeder kann ein Jimi Hendrix sein», sagt sie. Dafür wurde das «Sound Lab» kreiert, ein riesiger Raum mit über einem Dutzend schalldichter Kammern, in denen verschiedenste Instrumente zum Spiel einladen. Karaoke-Computer bieten eine Auswahl von Rockhits als Vorgabe. Wir jammen auf der Gitarre zu Led Zeppelins «How Many More Times». Unsere Kreativität kommt allerdings nur beschränkt zur Entfaltung: Das Museum limitiert jede Session auf zehn Minuten.

Als Trost verwandeln wir uns für ein paar Minuten in richtige Rock-’n'-Roll-Stars. Wir sind im Raum «On Stage», stehen auf einer fiktiven Bühne mitten im grellen Scheinwerferlicht, hinter echten Instrumenten platziert, und singen Playback zu einem amerikanischen Konservenhit. Dann blitzts im Raum, und unser kurzlebiger Starruhm ist auf einem Computerfoto verewigt - für 19 Franken.

Auf der letzten Station verschmilzt das EMP mit Disneyland: Auf schwankenden Stühlen sitzend, begeben wir uns in «Artists Journey» auf einen Achterbahn-ähnlichen Multimedia-Ritt. Ein 3-D-Musikfilm führt uns mit vielen Special Effects in die «funkige» Welt von James Brown.

Zurück unter dem realen, freien Himmel, stellen wir fest, wie richtig die Standortwahl für das Museum ist: zwischen Chilbi, Fast Food und Wahrzeichen. Die gleissende Sonne ist verschwunden, die Jahrmarktbetriebe stehen kurz vor dem Feierabend. Nur ein Marionettenspieler hat noch «showtime». Er bewegt eine kraushaarige Puppe mit Gitarre im Rhythmus des Hendrix-Songs «Are you experienced».

Eine Gruppe Jugendlicher bleibt stehen und schaut dem zuckenden Miniatur-Rockstar einen Moment lang zu. «Gruftie-Musik», sagt der eine. Die andern nicken, dann trotten die Teenager gelangweilt davon.

Das Museum in Kürze:
- Eröffnung: 23. Juni 2000
- Gründer und Financier: Paul Allen
- Architekt: Frank O. Gehry
- Grösse: 13′000 Quadratmeter
- Baumaterialien: Stahl (400 Tonnen), Aluminium, Gips, Holz Bauzeit: 3 Jahre
- Kosten: 240 Millionen Dollar (100 Mio für den Bau, 140 Mio für die Einrichtung und den Kauf der Memorabilien)
- Jährliche Besucher: 3 Million
- Eintrittspreis: 15 Dollar
- Adresse: 325 5th Avenue North, Seattle
- Website: www.empsfm.org

Kurzportät Paul Allen
Was macht einer, der über ein Vermögen von fast 30 Milliarden Dollar verfügt, der bereits ein 45-Millionen-Dollar-Haus, eine 60-Meter-Luxusjacht, mehrere Privatflugzeuge sowie Residenzen in Beverly Hills, London und Cannes hat? Einer, der bereits über 140 Firmenbeteiligungen besitzt? Ganz recht: Er schenkt.

Paul Allen ist ein grosszügiger Spender, besonders in seiner Heimatstadt Seattle. Bereits vor Jahren hatte er ein Basket- und ein Football-Team gekauft, die beide in finanziellen Nöten standen. Er übernahm und renovierte das vom Abbruch bedrohte Studiokino Cinerama. Er akquirierte und restaurierte den historisch bedeutsamen Hauptbahnhof. Und er finanzierte einen Erweiterungsbau der Universität von Washington. Verehrer nennen Allen das «moderne Pendant zu den Medici in Florenz». Kritiker nennen ihn einen «vergnügungssüchtigen King Kong». Und nun hat er Seattle, unterdessen als Allentown gehänselt, auch noch ein Rock-’n'-Roll-Museum geschenkt. Das Resultat seiner über 30-jährigen Musikleidenschaft:

Juli 1969: Der 16-jährige Allen verbringt den Sommer allein mit seiner Schwester Judy. Die Eltern sind verreist, so können die Geschwister nach Lust und Laune fernsehen und Musik hören. Eines Tages kommt Judy mit einem Album nach Hause. Die Platte heisst «Are you experienced», der Künster Jimi Hendrix. Paul beginnt alles Mögliche zu sammeln, was mit dem Musikgenie zu tun hat: Singles, Poster, Konzerttickets, signierte Fotografien, Bühnenkostüme, Original-Gitarren.

März 1993: Allen beschliesst, aus seiner Privatsammlung - mit 80′000 Objekten die grösste Jimi-Hendrix-Kollektion der Welt - ein öffentliches Denkmal zu machen. Hendrix soll in seiner Geburtsstadt Seattle ein Museum erhalten. Der Mitgründer von Microsoft hat mittlerweile Geld genug, allein seine Beteiligung an der Firma hat einen Wert von 15 Milliarden Dollar.

Juni 1997: Die Bauarbeiten beginnen. Realisiert wird ein Museum, das nicht nur die Hendrix-Sammlung enthält, sondern die Geschichte der modernen Musik der USA dokumentieren soll. Architekt ist der Kanadier Frank Gehry, der bereits mit spektakulären Bauten wie dem Guggenheim Museum in Bilbao Aufsehen erregte.

Juni 2000: Das «Experience Music Project» öffnet seine Tore. Es beinhaltet einen Ausstellungsteil, ein digitales Musikarchiv, ein Theater, eine Weiterbildungsstätte für Künstler, ein Restaurant, eine Bar, eine Haltestelle für Seattles Hochbahn sowie einen Merchandise-Shop.

Publiziert in der Neuen Zürcher Zeitung, 23. September 2008