Los Angeles - Neues Mekka für Literatursalons
In Los Angeles entsteht eine Gegenwelt zur Entertainment- und Beauty-Kultur. Filmstars, Politiker und Industriebosse treffen sich in Literatur-Salons.
Von Marc Baumann, Los Angeles
Jeden ersten Freitag im Monat lebt die verschlafene Wohngegend im Stadtteil Brentwood von Los Angeles auf. Mehr als fünfzig Prominente aus Politik, Kunst und Show-Business finden sich in der Villa der Kolumnistin Arianna Huffington ein, darunter Regisseur Oliver Stone, Schriftsteller Norman Mailer, Medienmogul Barry Diller und Historiker Arthur Schlesinger junior. Bei Champagner und Hors d’Euvres diskutieren sie über neu erschienene Bücher und politische Ereignisse. Der Salon, den die agile Journalistin vor drei Jahren ins Leben gerufen hat, ist einer der gefragtesten der Westküsten-Metropole.
In Los Angeles schießen Salons derzeit wie Pilze aus dem Boden. Veranstaltungen für bildende Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Internet-Unternehmer oder Wissenschaftler - die Zahl der Treffs, bei denen Los Angelenos regelmäßig zu geistreichen Gesprächen zusammenkommen, nimmt stetig zu. Insider schätzen, dass allein in den letzten zwölf Monaten mehr als 30 neue Events dieser Art entstanden sind. „Salons sind die neuen Zentren des Gedankenaustauschs und der gesellschaftlichen Kontakte”, sagt Stephen Brooks, Direktor des Center for the Study of Popular Culture.
In der Tat: In der weitläufigen südkalifornischen Stadt, die sich über 1200 Quadratkilometer erstreckt und zehn Millionen Einwohner zählt, sind spontane Treffen von Gleichgesinnten so selten wie starke Schneefälle. Das soziale Leben der Amerikaner basiert auf Planung und bewegt sich häufig nicht über Familienpicknicks, Firmensportveranstaltungen und Cocktail-Partys hinaus. Immer mehr Angelenos sind jedoch der Smalltalk-Events überdrüssig geworden und suchen in den Salons nach Befriedigung ihrer brachliegenden intellektuellen Bedürfnisse.
Die Mehrheit der Salon-Veranstalter setzt auf handverlesene Gäste und persönliche Einladungen. Die Schriftstellerin Rachel Resnick etwa hält die 60 Mitglieder ihres mobilen Salons per E-Mail auf dem Laufenden. Die Literatin führt den Treff für Autoren, Filmemacher und Schauspieler in wechselnden Restaurants in Hollywood durch. Diskutiert wird über aktuelle Filme und Bücher und neue künstlerische Ideen. „Dieses Event öffnet jedes Mal neue Welten und inspiriert zur Realisierung fantastischer Projekte”, schwärmt Resnick. So habe man vor kurzem die Lancierung einer Literaturzeitschrift sowie eines Verlags für südkalifornische Autoren beschlossen. Die „Dead Poets Society” wurde 1998 von mehr als 40 Lyrik-Freunden gegründet. Jeden Samstag huldigen sie in einer schummrigen Bar im Stadtteil Los Feliz verstorbenen Kultautoren wie Allen Ginsberg oder Charles Bukowski.
Die Palette der neu entstandenen Diskussionsrunden in L.A. ist breit, sie reicht vom Salon der Liebhaber asiatischer Kunst bis zum Salon der Eigentümer architektonisch bedeutsamer Häuser. Dennoch dominieren literarische Zusammenkünfte. Kein Wunder: Die „City of Angels” hat als Begegnungsstätte von Schriftstellern eine bewegte Geschichte hinter sich.
Bereits in den 40er und 50er Jahren gab es unzählige Salons in der Stadt. Raymond Chandler, F. Scott Fitzgerald und Bertolt Brecht führten ihre literarischen Diskussionsabende stets in der berühmten Bar Musso & Frank durch, während Heinrich Mann einen Salon in seinem Haus nahe dem Farmer’s Market veranstaltete. Sein Bruder Thomas pilgerte zur Villa Aurora bei Santa Monica, wo Lion Feuchtwanger regelmäßig intellektuelle Soireen mit deutschen Exil-Autoren abhielt. In Feuchtwangers Haus - unterdessen ein Museum - finden heute noch Treffen und Seminare von Autoren aus aller Welt statt.
Der begehrteste Salon der High Society von Los Angeles ist der des Supermarkt-Milliardärs Ron Burkle. Zu den politischen Diskussionsrunden in seiner gigantischen Villa in Beverly Hills finden sich regelmäßig Berühmtheiten ein wie Uno-Generalsekretär Kofi Annan, Ex-Präsident Jimmy Carter oder die Musik-Diva Barbra Streisand. Ebenfalls eine illustre Gästeschar kann der Salon des wohlhabenden demokratischen Polit-Aktivisten Stanley Sheinbaum aufweisen; Schauspieler Warren Beatty, L.A.-Opernhaus-Direktor Placido Domingo, Bill und Hillary Clinton sowie Königin Noor von Jordanien zählen zu den begeisterten Teilnehmern.
Die stetig zunehmende Zahl von Salons ist für den Soziologen Stephen Brooks ein klares Zeichen, dass sich die „Megalopolis” Los Angeles vom eindimensionalen Image als oberflächliche Entertainment-Metropole befreien will. „Wir stehen am Beginn einer neuen Phase der Offenheit für intellektuelle Neugierde und neue Ideen.”
Die besten literarischen Salons in Los Angeles:
Spoken Interludes
9018 Burton Way, Beverly Hills
Smart Gals/Speakeasy
Mt. Hollywood Underground, 4607 Prospect Ave., Los Feliz
WordTheatre
10351 Santa Monica Boulevard, Los Angeles
The World Explained
4800 Hollywood Boulevard, Los Angeles
826LA
685 Venice Boulevard, Venice
Financial Times Deutschland, 21. März 2001
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